Über den Sprung ins kalte Wasser

Stanislav Rosnevs Element ist das Wasser. 2017 nahm er an einem Freiwasser-Schwimmmarathon teil, dessen Strecke zwar keine 42, aber immerhin fünf Kilometer beträgt. In Istanbul schwamm er außerdem 2013 bei einem Schwimmmarathon von Asien nach Europa – und wurde dadurch offiziell zum transkontinentalen Schwimmer. Doch der 23-Jährige kam nicht zum Schwimmen aus seiner Heimat Bulgarien nach Berlin, sondern für ein Medizinstudium an der Charité. Springt er hier nicht gerade ins kalte Wasser, so sitzt er wahrscheinlich im Hörsaal oder arbeitet im Krankenhaus, wo er trotz des zeitintensiven Studiums 40 bis 60 Stunden im Monat Nachtdienst leistet.

Für Stanislav Rosnev war nicht immer klar, dass er Mediziner werden wollte, da er viele verschiedene Interessen hat. Außerdem ist er sehr selbstkritisch und hinterfragt nicht selten seine eigenen Entscheidungen. Umso beachtlicher ist es daher, dass er mit seiner Studienwahl nach wie vor höchst zufrieden ist. An der Charité reizte Stanislav Rosnev der Modellstudiengang, da man von Anfang an Kontakt zu Patienten hat.

In Bulgarien besuchte Stanislav Rosnev ein deutschsprachiges Gymnasium. Dort war es keine Seltenheit, dass man im Anschluss für sein Studium nach Deutschland ging. Auch sein Bruder studierte in Deutschland sowie der Großteil seiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Viele seiner bulgarischen Freunde aber planen, später nach Bulgarien zurückkehren. Stanislav Rosnev wäre froh, wenn er künftig durch seine in Deutschland gesammelten Arbeitserfahrungen auch zur Verbesserung der Umstände in der Heimat beitragen könnte.

Fragt man Stanislav Rosnev nach seinen Vorbildern, wird deutlich, wie sehr ihm die grenzüberschreitende Medizin am Herzen liegt. Voller Begeisterung erzählt er, wie der amerikanische Harvard-Professor Paul Farmer maßgeblich am Aufbau des Gesundheitssystems in Haiti beteiligt war. Mit seinem Engagement gegen multiresistente Tuberkulose kämpfe er außerdem dafür, dass mehr Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten. „Ich wollte ein Foto von ihm ausdrucken und an meinen Schreibtisch klemmen, damit ich ihn täglich sehen kann“, sagt Rosnev halb im Scherz. Zweifelsohne würde die Mitarbeit in einer humanitären Hilfsorganisation zu seinem offenen und engagierten Charakter passen, der im Gespräch sofort auffällt.

Eine Famulatur absolvierte Stanislav Rosnev bereits in Indien. In einer kleinen Stadt hat er dort erlebt, unter welchen Bedingungen Ärztinnen und Ärzte in vielen Regionen der Welt arbeiten: „In dem Krankenhaus gab es nur einen Arzt. Er wohnte im Obergeschoss des Krankenhauses und musste von Montag bis Sonntag arbeiten. Da geschehen Dinge, die hier nie passieren würden.“ Ziemlich bedrückt erzählt er davon, wie er mit ansehen musste, dass Säuglinge aufgrund von Komplikationen und Erkrankungen sterben mussten, die unter anderen Bedingungen vermeidbar wären.

Über den Sprung ins kalte Wasser
Stanislav Rosnev

Förderprogramm

Deutschlandstipendium

Förderzeitraum

Seit 2015

Fachgebiet

Humanmedizin

Institution

Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

2018

Austauschsemester an der Universität Zürich und Sommerkurs in Tropenmedizin und Internationaler Gesundheit an der Universität Kopenhagen, Beginn der Promotion in der Arbeitsgruppe von Univ.-Prof. Dr. med. Il-Kang Na am Berlin-Brandenburger Centrum für Regenerative Therapien (BCRT)

Seit 2017

Studentischer Mitarbeiter am Institut für Medizinische Genetik und Humangenetik, Charité -- Universitätsmedizin Berlin

2013

Beginn des Humanmedizin-Studiums an der Charité -- Universitätsmedizin Berlin, seit 2015 ehrenamtliches Engagement im Projekt "Treatment without Borders"

Dass die Versorgung in manchen indischen Großstädten wahrscheinlich mit Berlin vergleichbar ist, fügt er allerdings auch hinzu. In Berlin unterstützt er außerdem die Organisation Treatment without Borders. Sie hilft Patienten, die nach Deutschland kommen, um mit Methoden behandelt zu werden, die in ihrer Heimat nicht zur Verfügung stehen. Freiwillige von Treatment without Borders leisten ihnen dabei Unterstützung vor Ort. 

Inwiefern er in die Fußstapfen Paul Farmers treten wird, hängt unter anderem von seinen Entscheidungen in den nächsten Jahren ab. Ein Fachgebiet, das ihn zurzeit interessiert, ist die Infektiologie – was für Missionen von Ärzte ohne Grenzen zweifellos sehr praktisch wäre. Aber auch die Wissenschaft und insbesondere die Onkologie reizen ihn. Der enge Kontakt zu Wissenschaftlern an der Charité inspiriert Stanislav Rosnev. Er kann sich gut vorstellen, eine experimentelle Doktorarbeit zu schreiben. Das ist in der Medizin kein Muss und auch nicht die Regel, denn, erklärt Rosnev, „man muss wirklich motiviert sein und viel Zeitaufwand reinstecken“, erklärt Rosnev. Er würde einige Semester freinehmen, um im Labor zu arbeiten. Über das Deutschlandstipendium sagt er, dass es ihm ermögliche, ohne finanzielle Unterstützung der Familie auszukommen. So kann er sogar etwas Geld für ein anstehendes Austauschsemester zurücklegen.

Man darf gespannt sein, in welche Richtung es ihn letztendlich verschlägt. Dass Stanislav Rosnev die erste schwimmende, transkontinentale Arztpraxis eröffnen wird, traut man ihm sofort zu. Aber auch die nötige Ruhe und Geduld, um nervenaufreibende Versuchsreihen im Labor durchzustehen, strahlt er aus.

 

Oktober 2017/MM