Wie man als Gastwissenschaftler sein Heimatland neu entdeckt

Lange galt es als eine Conditio sina qua non einer wissenschaftlichen Karriere, zumindest zeitweise in die USA zu gehen. Heute ziehen deutsche Labors nicht nur Forschende aus aller Welt an, sondern bringen auch ausgewanderte deutsche Forscher zurück ins Heimatland. Auch die wissenschaftliche Karriere des Neurowissenschaftlers Ulrich Müller spielte sich zu großen Teilen in den USA ab. Als von der Stiftung Charité geförderter Einstein BIH Visiting Fellow kommt der Professor der John Hopkins University nun wieder regelmäßig nach Deutschland.

Herr Professor Müller, Hand aufs Herz: Ist das Einstein BIH Visiting Fellowship ein bisschen wie Homecoming?

Das Programm hat für mich definitiv wieder einen stärkeren Bezug zu Deutschland geschaffen. Mir ist es wichtig, dass meine Kinder das mitbekommen. Es ist vor allem ein Deutschland, das ich vorher nicht kannte. Kulturell ist es vollkommen anders, eine Stadt wie Berlin zu erfahren. Ich war immer in Köln. Nachdem ich in Köln mein Diplom absolviert und meine Doktorarbeit begonnen hatte, wollte ich eigentlich nur für ein Jahr nach Princeton gehen, aber dann war ich dreieinhalb Jahre dort. Dort habe ich auch meine heutige Frau kennengelernt, die ursprünglich aus Griechenland kommt. Nach Beendigung unserer Doktorarbeiten sind wir dann beide zusammen nach San Francisco gegangen für unsere weitere Ausbildung als Postdocs an der Universität von Kalifornien. Zu der Zeit war es beinahe eine Voraussetzung für einen akademischen Lebensweg, seinen Postdoc in den USA zu machen. Unsere erste unabhängige Stelle als Gruppenleiter fanden wir in der Schweiz, aber danach gingen wir zurück in die USA, da es uns dort wissenschaftlich gut gefiel. Ich habe also bisher die erste Hälfte meines Lebens in Deutschland und die zweite in den USA verbracht. Heute habe ich meine drei Bs: Baltimore, Boston, Berlin. In Baltimore arbeite ich an der John Hopkins University, in Boston sitzt meine Firma und nach Berlin komme ich als Einstein BIH Visiting Fellow.

In einem Interview sagten Sie einmal, dass Sie in den USA mehr Freiheiten als Forscher genießen. Würden Sie das immer noch sagen?

Amerika ist sehr dynamisch, man hat viele Möglichkeiten und Freiheiten. Allerdings hat sich in Deutschland viel verändert und es gibt heute viel mehr junge Arbeitsgruppen. Gleichzeitig ist die Finanzlage der Wissenschaft in den USA eher schwierig. Die besten Stellen in Amerika sind extrem gut ausgestattet, allerdings sind das nur eine Handvoll. Die restlichen Stellen haben nicht notwendigerweise einen Vorteil gegenüber Deutschland. Traditionell sind Universitäten in den USA viel selbstständiger und die Philanthropie hat dort eine gewisse Tradition. Gibt jemand Geld für ein neues Gebäude, stellen sie neue Leute ein. Allerdings sind die Verfahren wenig geregelt und es kann passieren, dass Universitäten zu schnell wachsen und dann in finanzielle Probleme geraten. Im deutschen Modell bedeutet eine Stelle auch ein gesichertes Gehalt, in den USA muss man 30 bis 70 Prozent seines Gehalts selbst zusammenbringen, manchmal sogar 100 Prozent. Aber das System hört sich härter an, als es in der Realität ist. Auch wenn man seine Fördermittel verliert, gibt es Überbrückungsmöglichkeiten.

Wie man als Gastwissenschaftler sein Heimatland neu entdeckt
Prof. Dr. Ulrich Müller

Förderprogramm

Einstein BIH Visiting Fellows

Förderzeitraum

2016 bis 2019

Vorhaben

Mechanotransduktion im gesunden und kranken Zustand

Institution

Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)

 

Seit 2016

Bloomberg Distinguished Professor und Direktor, Developmental Neuroscience, John Hopkins University, Baltimore, USA

2015

Gründer von Decibel Therapeutics, Boston, Massachusetts, USA

2013 bis 2016

Leiter und Frank Kershaw Professor of Neuroscience, Department Molecular & Cellular Neuroscience, Scripps, La Jolla, USA

Kommen wir zu Ihrem Projekt: Sie forschen zum Gehör. Wie kamen Sie als Neurowissenschaftler dazu?

Meine Arbeitsgruppe beschäftigt sich eigentlich mit dem Cortex, einer Region im Gehirn. Wir wollten die Funktion eines bestimmten Gens untersuchen, das im Cortex ausgeprägt ist. Daten aus In-vitro-Modellen deuteten darauf hin, dass es die Zellwanderung im Gehirn beeinflusst. Als wir eine Knock-Out-Maus erstellten, hatte diese jedoch keine Wanderungsschäden im Gehirn, wohl aber einen Hörschaden. Daraufhin stellten wir fest, dass das Gen auch in den Zellen unseres Hörsinns exprimiert wird und diese geschädigt sind. Der Gehörsinn gehört zu den mechanischen Sinnen, die unser Körper nutzt, um mechanische Signale in elektrische Signale umzuwandeln, da Elektrizität die Sprache des Nervensystems ist. Die Wahrnehmung über mechanische Signale ist sehr wichtig. Sie erlaubt es uns zum Beispiel, mit den Fingern Gegenstände zu fühlen oder Sprache zu hören. Das Sinnesorgan des Hörens im Menschen ist natürlich das Ohr. Luftschwingungen treffen am Innenohr ein und werden über das Trommelfell in eine Schnecke geleitet, die ähnlich wie ein Klavier gebaut ist. Die Sinneszellen sind in einem Gradienten von hohen bis zu niedrigen Tönen angeordnet. Sie werden Haarzellen genannt, da sie einen großen Zellkörper mit Haaren auf der Oberseite haben, den sogenannten Stereozilien. Kommt ein Geräusch an, werden die Stereozilien durch die Vibration gebogen, wodurch wiederum auf den Stereozilien Ionenkanäle geöffnet werden. Nervenbahnen leiten die Informationen dann an das Gehirn weiter. Wir wollten daher herausfinden, wie dieser Mechanismus mit der Taubheit zusammenhängt.

Sie forschen vor allem zum Usher-Syndrom, einer Krankheit, bei der Betroffene oftmals sowohl taub als auch blind sind. Wie lässt sich erklären, dass die genetischen Defekte sich auf beide Sinne gleichzeitig auswirken?

Wenn man sich eine Reihe der Stereozilien anschaut, sieht man, dass es drei sind, die wie eine Treppe vom Kleinsten zum Größten aufgestellt sind. Bewegt man die Haarzellen, öffnet ein kleines Filament, das Tip-Link, die Ionenkanäle. Bei der Entwicklung der Haarzellen tragen nicht nur die Tip-Links, sondern viele Filamente zur Bildung dieses Stereozilienbündels bei. Wenn diese Filamente mutiert sind, entwickeln sich die Stereozilien nicht normal. Fehlen sie komplett, entwickeln sich die Stereozilien überhaupt nicht und man wird taub geboren. Die gleichen Filamente dienen im Auge zwar nicht der Bildung, wohl aber der Stabilisierung der Fotorezeptoren. Fehlen die Filamente, gehen die Fotorezeptoren mit der Zeit kaputt und man wird langsam blind. Bei milden Mutationen wiederum können Betroffene oft normal sehen, aber werden taub, da die mechanische Signalweiterleitung mit der Zeit schlechter wird. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es im Auge Tausende Filamente gibt, während es für das Öffnen des Ionenkanals im Ohr ein einziges ist.

Handelt es sich um reine Grundlagenforschung oder finden Ihre Forschungsergebnisse auch in der Klinik Anwendung?

Mich interessiert grundsätzlich, wie der Körper mechanische Sinneseindrücke in elektrische Signale umwandelt und dabei alle Informationen behält. Wie können wir einen Eindruck von einem Ton haben und wie wird er im Gehirn dargestellt? Bei unserer Forschung wurde mir allerdings klar, dass die Ergebnisse von hoher Bedeutung für die Medizin sind. Ich empfinde es durchaus als Verantwortung, daraus etwas für die Patienten zu entwickeln. Daher haben wir vor mehr als zwei Jahren eine Firma gegründet. Wir versuchen, eine Behandlung für Hörschäden zu entwickeln, die nicht bloß in der Verwendung eines Hörgeräts besteht. Stattdessen wollen wir auf der molekularen Ebene ansetzen, also medikamentös oder durch Gentherapie. Wir führen bereits die ersten klinischen Versuche durch.

Könnten Sie sich vorstellen, auch längerfristig wieder nach Deutschland zu kommen?

Im Moment habe ich keine Pläne, umzuziehen. In Baltimore habe ich gerade meine Arbeitsgruppe aufgebaut und vor allem meine ältere Tochter muss sich erst einmal neu einleben. Vor zwei Jahren haben wir auch über Deutschland nachgedacht, aber es ergab sich keine passende Möglichkeit. Sollten wir eines Tages nach Deutschland ziehen, wäre Berlin für uns der gewünschte Standort. Berlin ist eine internationale Großstadt mit Herz. Man hat das Gefühl, dass man hier leben kann. Köln gefällt mir auch gut, aber ich glaube, meine Familie würde sich in Berlin einfacher einleben. Meine Frau und Kinder haben ja noch nie in Deutschland gelebt. Eine Großstadt mit dem Flair von Berlin wäre sicherlich sehr attraktiv. Ich bin auch sehr an Geschichte interessiert. Berlin hat da ja viel zu bieten. Wir wollen gern im Sommer für ein paar Monate zusammen herkommen, dafür war es letzten Sommer noch etwas zu früh.

Haben Sie etwas, das Sie anderen „Rückkehrern“ empfehlen würden, wenn Sie nach Berlin kommen?

Im Rucksack habe ich gerade das Buch „Kleiner Mann, was nun?“. Wenn ich durch Berlin laufe, habe ich das Gefühl, dass die Geschichte der Stadt überall präsent ist. Also habe ich mir angewöhnt, bei meinen Besuchen Hans Fallada zu lesen. So taucht man in die Geschichte der Stadt ein und kann die Atmosphäre vergangener Jahrzehnte spüren.

 

Oktober 2018/MM