Ein neues Kapitel in der Transplantationschirurgie

Stefan G. Tullius leitet die Transplantationschirurgie am Brigham and Women's Hospital der Harvard Medical School, wo er gleichzeitig einen nach Joseph E. Murray benannten Lehrstuhl für Chirurgie innehat. Dieser führte dort im Jahr 1954 die erste erfolgreiche Organtransplantation durch und erhielt dafür den Nobelpreis. Als Einstein BIH Visiting Fellow kommt Stefan Tullius seit 2017 regelmäßig nach Berlin, um an der Charité ein Transplantationsprogramm für Uterus-, Hand- und Bauchwandtransplantationen aufzubauen. Während einer seiner Aufenthalte haben wir ihn an der Charité getroffen.

Herr Professor Tullius, Sie arbeiten gleichzeitig in der Klinik und in der Forschung. Was gefällt Ihnen an dieser Kombination?

Durch die Verbindung von Klinik und Wissenschaft kann ich klinische Probleme identifizieren und ins Labor bringen, um dort Erklärungen zu finden. Daraus resultierende Verbesserungen der Therapie kann ich direkt anwenden – diese Vernetzung finde ich spannend. Das Vorgehen in der Transplantationschirurgie hat ein Alleinstellungsmerkmal: Ziel ist nicht eine Heilung durch ‚Herausschneiden‘ zu erreichen, sondern ein Organ durch ein Transplantat zu ersetzen. Diese Verfahren geben Patienten eine neue Lebenschance. In der Klinik, in der ich arbeite, wurden vor sechzig Jahren die ersten Organtransplantationen durchgeführt. Zu den damaligen Patienten, wahre Pioniere der Transplantation, haben wir bis heute einen sehr engen Kontakt. Es ist schön zu sehen, wie rasant sich die Dinge seitdem entwickelt haben. Die Vascular Composite Tissue Allotransplantation – oder VCA – ist die jüngste Entwicklung in unserem Feld und es freut mich, diese Verfahren voranzubringen

Was genau ist eine Vascular Composite Tissue Allotransplantation?

Bei einer VCA werden unterschiedliche Gewebearten als Teil eines Organsystems transplantiert. Ein anschauliches Beispiel ist die Transplantation einer Hand. Eine Hand besteht aus Knochen, Blutgefäßen, Muskeln, Sehnen und Nerven. Im Deutschen wären Gemischtgewebe oder zusammengesetztes Gewebe sinnvolle Bezeichnungen. Im Gegensatz zu Herz- oder Nierentransplantationen sind diese Eingriffe meist nicht lebensnotwendig, bedeuten jedoch für die Patienten eine ungeheure Verbesserung ihrer Lebensqualität. Eine Hand wird meistens transplantiert, wenn ein Patient die dominante Hand oder gar beide Hände verloren hat. Transplantierte Hände können im Gegensatz zu Prothesen nicht nur motorische, sondern auch sensible Funktionen übernehmen. Es hat sich somit ein völlig neuer Bereich der Transplantation mit spannenden Indikations- und Behandlungsmöglichkeiten entwickelt.

Nun arbeiten Sie als Einstein BIH Visiting Fellow mit einem Team an der Charité zusammen. Worum geht es bei der Kooperation?

VCA werden zurzeit nicht in der gleichen Häufigkeit durchgeführt wie zum Beispiel Nierentransplantationen, doch die Nachfrage steigt beachtlich. Daher werden sich in Zukunft ausgewiesene Zentren etablieren, welche diese Verfahren anbieten und damit den Patientenpool ganzer Länder und Regionen anziehen.

Ein neues Kapitel in der Transplantationschirurgie
Prof. Dr. Stefan G. Tullius

Förderprogramm

Einstein BIH Visiting Fellows

Förderzeitraum

2017 bis 2019

Vorhaben

Vascular Composite Tissue Allotransplantation (VCA): Ein integriertes, multidisziplinäres Grundlagen- und klinisches Forschungsprogramm für Bauchdecken-, Hand- und Gebärmuttertransplantation

Fachgebiet

Allgemein- und Viszeralchirurgie

Institution

Charité -- Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2015

Joseph E. Murray Lehrstuhl für Transplantationschirurgie, Department of Surgery, Brigham and Women’s Hospital/Harvard Medical School, Boston, USA

Seit 2013

Professor, Department of Surgery, Harvard Medical School, Boston, USA

2005 bis 2013

Associate Professor, Department of Surgery, Harvard Medical School, Boston, USA

Die Charité hat zweifellos die Möglichkeit, eines dieser Zentren zu werden. In Boston koordiniere ich in unseren VCA Programmen die Immunsuppression der Patienten, die wissenschaftliche Aufarbeitung der Verfahren und arbeite an einem klinischen Verfahren der Gebärmuttertransplantation. Neben der Transplantationschirurgie leite ich auch das dazugehörige Forschungslabor mit dem Schwerpunkt Transplantationsimmunologie. Mit dieser spezifischen Expertise unterstütze ich die Kolleginnen und Kollegen an der Charité beim Aufbau eines CTA-Programms, dessen Fokus auf Gebärmutter-, Hand- und Bauchwandtransplantationen liegen soll.

Sind solche Transplantationen für die Forschung im Bereich der Immunologie besonders interessant?

Bei Transplantationen stellt nach wie vor die längerfristige Immunsuppression ein großes Problem dar und Betroffene sind oft ihr Leben lang in der Nachbehandlung, um die Abstoßung des Transplantats zu verhindern. Aus immunologischer Sicht sind Bauchwandtransplantationen interessant. Sie werden bei Patienten durchgeführt, die nach der Transplantation von Leber oder Darm nicht mehr genügend Bauchwand haben, um alles zu verschließen. Diese Patienten bekommen einen Teil der Bauchwand des Spenders transplantiert.

Anhand von Veränderungen auf der Haut kann man häufig auf der transplantierten Bauchwand sehen, ob beispielsweise der Darm abgestoßen wird. So muss man nicht auf eine Biopsie warten, sondern kann schnell durch eine Erhöhung der Immunsuppression die Abstoßungsreaktion kontrollieren. Die Gebärmuttertransplantation ist in vielerlei Hinsicht interessant und spannend. Zum einen ist hier nur eine zeitlich begrenzte Immunsuppression notwendig, nämlich von der Transplantation, bis zur Erfüllung des Kinderwunsches. Nach der Geburt eines Babys wird die Gebärmutter entfernt. Grundsätzlich stellt die Schwangerschaft einen immunologischen Schutz dar. Bei einer gewebsfremden, transplantierten Gebärmutter sehen die immunologischen Mechanismen möglicherweise anders aus. Die immunologische Interaktion zwischen Mutter und Fötus während einer Gebärmuttertransplantation ist ein neues Gebiet, dass auch Rückschlüsse auf Komplikationen bei normalen Schwangerschaften zulassen kann.

Warum transplantiert man überhaupt eine Gebärmutter?

Eine von 5000 Frauen wird ohne Gebärmutter geboren, andere Frauen verlieren ihre Gebärmutter durch Erkrankungen. Bei Kinderwunsch blieb ihnen bisher nur eine Adoption oder eine Leihmutterschaft als Alternative. Diese Verfahren sind in vielen Ländern nicht legal. Gebärmutter-transplantationen sind bisher noch nicht sehr verbreitet, aber es gab bisher mehr als 50 Transplantationen; 13 gesunde Babys sind bisher geboren worden. Erst kürzlich wurde die Geburt eines gesunden Babys nach einer Gebärmutter-Leichenspende veröffentlicht. In Schweden habe ich den ersten Säugling besucht, der nach einer Gebärmuttertransplantation im Jahr 2014 geboren wurde. Es war ein tolles Erlebnis, Kind und Mutter so glücklich zu sehen.

Und so etwas ist bald auch an der Charité möglich?

Zunächst bauen wir ein Programm zur Grundlagenforschung auf, um immunologische Phänomene und die Gefäßneubildung bei VCA zu untersuchen. Gerade im Bereich der Immunologie gibt es viel zu entdecken. In der letzten Phase des Projekts soll dann das klinische Programm implementiert werden. Bis zur Geburt eines mit einer transplantierten Gebärmutter zur Welt gebrachten Säuglings wird es noch eine Weile dauern. Aber auch die auf dem Weg dorthin gewonnen Erkenntnisse über das Immunsystem können das Feld der CTA ein bedeutsames Stück voranbringen.

 

November 2017 (Update Dezember 2018)/MM