Nächster Halt Singapur: Kooperationsanbahnung inmitten einer Pandemie

Professor Dr. Falk Müller-Riemenschneider lebt und arbeitet eigentlich in Singapur. Als Associate Professor an der School of Public Health der National University of Singapore (NUS) hat er sich auf breit angelegte gesundheitliche Bevölkerungsstudien spezialisiert. Sein Interesse gilt insbesondere der Prävention der großen Bevölkerungskrankheiten von heute wie Herzkreislauf-Erkrankungen oder Diabetes. Welche Rolle spielen hierbei Lebensstilfaktoren? Dem geht er mithilfe digitaler Technologien nach. Seit 2019 reist er als BIH Visiting Professor, gefördert von der Stiftung Charité, regelmäßig nach Berlin. Gemeinsam mit seinem Gastgeber Professor Dr. Roland Eils, Professor für digitale Medizin am BIH, bahnt er Kooperationen zwischen der NUS, dem BIH und der Charité auf dem Gebiet der personalisierten digitalen Medizin an. Aber das war, bevor der SARS-CoV-2-Erreger auf den Plan trat. Seither ist Müller-Riemenschneider länger als geplant in Berlin, denn die Covid19-Pandemie erschwert ihm die Rückreise nach Singapur. Wir haben ihn und Professor Dr. Eils zu einem Video-Meeting im August 2020 getroffen, um mit ihnen über die Auswirkungen der Pandemie auf ihren Arbeitsalltag zu sprechen.

 

Professor Müller-Riemenschneider, Professor Eils, unser aller Arbeitsroutinen wurden in den vergangenen Monaten massiv herausgefordert. Welche Auswirkungen hat die Pandemie auf Ihr gemeinsames Projekt, für das der Austausch zwischen Berlin und Singapur so entscheidend ist?

Müller-Riemenschneider: Wir waren mit unserer Kooperation bis vor dem Lockdown schon relativ weit. Herr Eils und ich interessieren uns beide sehr dafür, mobile Technologien für die personalisierte Medizin einzusetzen. Mit der Förderung durch die Stiftung Charité möchten wir die Kooperationen zwischen der Charité, dem BIH und der National University of Singapore (NUS) auch auf institutioneller Ebene vorantreiben. An den Standorten wird hochspannende und angesehene Forschung betrieben, und Interesse besteht definitiv auf beiden Seiten. Die Vorgespräche und Arbeitstreffen in Berlin und Singapur mit den jeweiligen Leitungsebenen verliefen ausgesprochen vielversprechend und wir hatten bereits verschiedene weitere Kooperationspartner aus Berlin und Singapur identifiziert, um sie zum Beispiel in Workshops zusammenzubringen. Dass die NUS seit kurzem offizieller strategischer Partner der Berlin University Alliance [der Exzellenzverbund der drei Berliner Universitäten und der Charité, Anm. d. Red.] ist, macht die Sache umso interessanter. Dann traf uns die Pandemie. Leider muss ich sagen, dass die weitere Organisation seitdem auf Eis liegt.

Eils: Ja, meine Reise nach Singapur zu Herrn Müller-Riemenschneider im Februar war tatsächlich meine letzte dienstliche Auslandsreise. Seitdem sitze ich hauptsächlich zu Hause in Deutschland. Wir hatten wirklich schon sehr vielversprechende Anknüpfungspunkte für die Zusammenarbeit gefunden, doch die Pandemie hat uns kalt erwischt.

Welche Veränderungen oder Herausforderungen haben Sie sonst in Ihrer Arbeit als Wissenschaftler erfahren?
Müller-Riemenschneider: Was die wissenschaftliche Arbeit angeht, waren mein Team und ich tatsächlich stark eingeschränkt. Unsere Projekte in Singapur sind üblicherweise groß angelegte Forschungsvorhaben mit vielen tausend Studienteilnehmern, die wir in unsere Studienzentren einbestellen, um Untersuchungen durchzuführen. Auf Basis der Daten dieser Untersuchungen versuchen wir Risikofaktoren oder protektive Faktoren für bestimmte Volkskrankheiten zu identifizieren. Mit den Ergebnissen entwickeln wir Programme zur Gesundheitsförderung. Die Einbestellung von Studienteilnehmern – das A&O unserer Forschung – war uns für fünf Monate nicht gestattet. Erst jetzt ist es unter speziellen Hygieneauflagen wieder erlaubt. Das hat uns erheblich zurückgeworfen.

Nächster Halt Singapur: Kooperationsanbahnung inmitten einer Pandemie
Prof. Dr. Falk Müller-Riemenschneider

Förderprogramm

BIH Visiting Professors

Förderzeitraum
2019 bis 2021

Fachgebiet

Public Health, Digital Health

Vorhaben

Von Echtzeit-Monitoring zu personalisierten digitalen Interventionen

Institution

Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH)

 

Seit 2018

Associate Professor, National University of Singapore

2012 bis 2018

Assistant Professor, National University of Singapore

2005 bis 2016

Verschiedene Positionen (u.a. Postdoctoral Research Fellow, Lehrkoordinator, Senior Scientist) am Institut für Sozialmedizin, Charité Universitätsmedizin Berlin

Roland Eils
Prof. Dr. Roland Eils, Gründungsdirektor des BIH-Zentrums Digitale Gesundheit

Eils: Auf wissenschaftlicher Ebene führte die Pandemie bei mir zu einer akuten inhaltlichen Verschiebung hin zur Beschäftigung mit SARS-CoV-2.

Das ist interessant. Wo genau haben Sie sich in die aktuelle Corona-Forschung eingebracht?

Eigentlich bin ich Krebsforscher, mein Spezialgebiet ist die menschliche Lunge. Dadurch habe ich viele Erfahrungen in der Erforschung von Pathophysiologien dieses Organs gesammelt. Genau die sind für die Covid19-Forschung sehr nützlich. Wir haben uns mit unseren Covid19-Patienten an der Charité beschäftigt und schauen uns im Rahmen der PA-Covid-19-Studie (https://studycenter.charite.de/covid_19/) an, was auf der Patientenseite die bestimmenden Faktoren für einen leichteren oder schwereren Krankheitsverlauf sind. Wir konnten zeigen, wie das Immunsystem von Patienten mit schwerem Verlauf überreagiert. Unsere Forschungsergebnisse haben verschiedene klinische Studien in den USA angestoßen, worüber wir uns auf wissenschaftlicher Ebene sehr freuen. Wir hätten die Studien in Deutschland auch gern durchgeführt, aber dafür hatten wir im Unterschied zu den USA glücklicherweise keine ausreichende Zahl an Patienten.

Ich nehme an, das hat auch Ihren Forschungsalltag deutlich verändert?

Eils: Auf wissenschaftlicher Ebene führte die Pandemie bei mir zu einer akuten inhaltlichen Verschiebung hin zur Beschäftigung mit SARS-CoV-2.

Das ist interessant. Wo genau haben Sie sich in die aktuelle Corona-Forschung eingebracht?

Eigentlich bin ich Krebsforscher, mein Spezialgebiet ist die menschliche Lunge. Dadurch habe ich viele Erfahrungen in der Erforschung von Pathophysiologien dieses Organs gesammelt. Genau die sind für die Covid19-Forschung sehr nützlich. Wir haben uns mit unseren Covid19-Patienten an der Charité beschäftigt und schauen uns im Rahmen der PA-Covid-19-Studie (https://studycenter.charite.de/covid_19/) an, was auf der Patientenseite die bestimmenden Faktoren für einen leichteren oder schwereren Krankheitsverlauf sind. Wir konnten zeigen, wie das Immunsystem von Patienten mit schwerem Verlauf überreagiert. Unsere Forschungsergebnisse haben verschiedene klinische Studien in den USA angestoßen, worüber wir uns auf wissenschaftlicher Ebene sehr freuen. Wir hätten die Studien in Deutschland auch gern durchgeführt, aber dafür hatten wir im Unterschied zu den USA glücklicherweise keine ausreichende Zahl an Patienten.

Ich nehme an, das hat auch Ihren Forschungsalltag deutlich verändert?

Eils: Für mich hat es in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit ungeahnte positive Entwicklungen gegeben. Normalerweise arbeite ich sehr international. Viele meiner Kooperationspartner sind im Ausland, insbesondere in Asien und den USA. In den letzten Monaten hat sich das radikal verändert. Plötzlich haben wir in Berlin konzentriert lokal zusammengearbeitet. Ungeahnte sehr fruchtbare Kollaborationen kamen zustande, die es ohne die Pandemie wohl nicht gegeben hätte. Wenn ich vorher mein Heil vielleicht in der Ferne gesucht hatte, so habe ich jetzt tolle Berliner Kolleginnen und Kollegen kennen gelernt und mit ihnen hervorragende Covid19-bezogene Publikationen veröffentlicht. Einige von ihnen, z.B. Leif Sander oder Andreas Hocke[1], habe ich bis heute noch nie persönlich getroffen, obwohl wir uns räumlich so nah sind und intensiv zusammenarbeiten. Natürlich kommen jetzt auch die Vorteile der Digitalisierung zutage. Zeit, die man früher im Zug oder im Flugzeug auf einem Weg zu einem Termin verbracht hat, kann man jetzt für ein weiteres virtuelles Meeting nutzen. Die Kehrseite davon sind Tage, an denen ich mitunter 10 Stunden am Stück mit nur wenigen Pausen in Online-Meetings verbringe. Das ist auch nicht optimal.

Haben Sie, Professor Müller-Riemenschneider, auch solche positiven Überraschungen erlebt, natürlich eingedenk der Tatsache, dass die Krise für sich genommen dramatisch bleibt?

Müller-Riemenschneider: Auf meine Forschungstätigkeit selbst oder meinen Austausch hier nach Berlin bezogen kann ich leider nicht von vielen positiven Wendungen infolge der Covid19-Pandemie sprechen. Was ich der aktuellen Situation noch am ehesten abgewinnen kann, ist die zusätzliche Zeit, die mein Team und ich dadurch plötzlich bekamen. Und ich möchte auf die Lehre hinweisen, schließlich sind wir neben dem Labor oder Studienzentrum auch in den Hörsälen und Seminarräumen zu Hause. Dort hat sich einiges radikal verändert. Wir haben komplett auf Online-Lehre umgestellt. Das war am Anfang eine wirkliche Herausforderung, weil es für uns alle ganz neu war. Andererseits ist es auch ein Vorteil, unabhängig von seinem Ort lehren zu können. Ich glaube, dass die Universitäten nun offener werden für diese Form der Lehre und dies auch nach der Pandemie bleiben wird. Von Berlin aus, von wo ich derzeit nicht wegkomme, kann ich online die gleichen Kurse halten, die ich sonst persönlich in Singapur halten würde. Ich würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass ich nur noch online lehren möchte. Die wertvolle Interaktion mit den Studierenden im Seminarraum kann man nicht eins zu eins ins Digitale übertragen.

Andre Lottmann, Marie Hoffmann, Stiftung Charité
Dr. André Lottmann (l) u. Marie Hoffmann (r), Stiftung Charité

Sie beide haben intensiven Kontakt nach Asien. Sie, Professor Müller-Riemenschneider, durch Ihre Arbeit in Singapur, Sie, Professor Eils, sind beruflich regelmäßig in China und haben zusätzlich einen besonderen persönlichen Hintergrund. Sie haben Malaiologie studiert. Wie nehmen Sie persönlich diese Länder derzeit wahr?

Müller-Riemenschneider: Die steigenden Fallzahlen in Europa beobachtet man in Singapur sehr genau. Singapur hat die Pandemie inzwischen wieder gut in den Griff bekommen. Doch zwischenzeitlich hatten sie Probleme, und manches ist bestimmt nicht ideal gelaufen. Man ist sehr vorsichtig. Dass sich die Zustände der ersten SARS-Pandemie wiederholen, wollte man unbedingt vermeiden. Die School of Public Health, an der ich tätig bin, ist nahezu komplett für Covid-19 im Einsatz. Alle anderen Aktivitäten wurden auf das Nötigste reduziert.

Eils: Zu China kann ich Ihnen ein konkretes Beispiel geben. Wir haben eigentlich intensive Interaktionen mit einem forschungsstarken Unternehmen in Shenzhen im Südosten Chinas. In der Regel sind wir zwei bis drei Mal pro Jahr dort. Einige meiner Mitarbeiter haben sogar monatelang vor Ort mitgearbeitet und andersherum waren chinesische Kollegen bei mir in Berlin. Das ist komplett eingeschlafen. Mein Eindruck war, dass sie, ähnlich wie es Professor Müller-Riemenschneider von Singapur berichtet, während der Pandemie – menschlich völlig verständlich -- in einer Art Schockstarre waren. So, wie wir in Deutschland etwas später als China, in eine Schockstarre während des Lockdowns gerieten. Der Mangel an Kommunikation aus China allerdings, gerade in den frühen Phasen des Ausbruchs, war für die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen China und Europa sicherlich nicht förderlich, und ich glaube, dass wir in dieser Hinsicht noch lange nicht zu einer Art von Normalität zurückgefunden haben.

Wenn wir jetzt auf Ihre Förderung als Visiting Professor und das damit verbundene gemeinsame Projekt zurückkommen: Was erhoffen Sie sich hier für die Zukunft?

Müller-Riemenschneider: Ich hoffe, dass, wenn das Reisen wieder besser möglich ist, die Bereitschaft zur Kooperation auf beiden Seiten, in Singapur und in Berlin, weiterhin so besteht, wie es Anfang des Jahres der Fall war, und wir nahtlos daran anknüpfen können. Ich hoffe wirklich, dass die Pandemie nicht allzu sehr von internationaler Zusammenarbeit abschreckt und dass die Kollegen – obwohl sie sich wahrscheinlich auf ihre Arbeiten konzentrieren müssen, die pandemiebedingt geruht haben – hierfür genug Zeit finden werden.

Eils: Da kann ich mir nur anschließen. Hoffentlich können wir die organisatorische Bremse bald lösen und in die konkreten Planungen für den gemeinsamen nicht-virtuellen Workshop von Charité und NUS zu Themen digitaler Gesundheit gehen.

 

[1] Prof. Dr. Leif Erik Sander und Prof. Dr. Andreas Hocke, beide Medizinische Klinik mit Schwerpunkt Infektiologie und Pneumologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin

August 2020

Marie Hoffmann