Der lange Weg zu vermehrter Aufmerksamkeit für Beckenbodenstörungen

Worum handelt es sich bei Ihrem Forschungsvorhaben?

Bei nicht wenigen Müttern kommt es nach der Geburt zu einer Störung der Beckenbodenfunktion mit dem Problem von Inkontinenz und Senkung. Dies betrifft fast jede dritte postpartale Frau und die Lebensqualität kann stark beeinträchtigt werden. Unsere Studie widmet sich der Frage, ob ein nach der Geburt eingesetztes Pessar die Genitalsenkung und die damit verbundenen Beschwerden verringern kann.

Was waren die größten Herausforderungen und Ihre größten Erfolge bei diesem Projekt?

Es war nicht so einfach, neben den Versorgungsaufgaben als Oberärztin tatsächlich die nötige Zeit für das Projekt zu sichern. Auch das nötige Einverständnis der Ethikkommission brauchte viel Vorbereitung. Das positive Votum der Ethikkommission war dann ein großer Erfolg für mich. Auch ist es mir gelungen, weitere Drittmittel zur Weiterentwicklung der Pessar-Studie einzuwerben. Dadurch konnten die Stellen weiterer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler finanziert werden.

Sie wurden im Rahmen des BIH Clinical Fellow-Programms gefördert. Was hat Ihnen die Förderung ermöglicht?

Die Förderung gab mir die Freiheit, neben der Arbeit in der Klinik Zeit für die Forschung, deren Organisation und das Schreiben und Veröffentlichen von Aufsätzen zu haben. Darüber hinaus konnte ich an Cochrane Reviews zur Therapie von Senkungszuständen arbeiten und die AWMF*-Leitlinien zur Diagnostik und Therapie des weiblichen Descensus genitalis federführend veröffentlichen. Ich habe aber auch viel Zeit investiert, um andere Ärztinnen und Ärzte dafür zu sensibilisieren, dass eine frühzeitige Therapie von extremer Wichtigkeit und dabei auch erfolgsversprechend ist.

Was fasziniert Sie am Forschen an sich und an Ihrem Thema?

Ich hinterfrage gerne wissenschaftliche Erkenntnisse und integriere sie in den Alltag. Ich genieße auch die Diskussion mit anderen Forscherinnen und Forschern auf Augenhöhe, zum Beispiel auf nationalen und internationalen Kongressen. Es ist mir ein Anliegen, die Beckenboden-Forschung weiterzubringen. Das ist auch das Spannende an meinem Thema: Man stirbt zwar nicht an Beckenbodenstörungen, aber sie kommen sehr häufig vor und sind vergleichsweise wenig erforscht. Letzteres möchte ich gerne ändern. Mein langfristiges Ziel ist es, Maßnahmen zur Prävention von Beckenbodenerkrankungen zu finden und in die klinische Routine zu integrieren.

Der lange Weg zu vermehrter Aufmerksamkeit für Beckenbodenstörungen
PD Dr. Kaven Baeßler

Förderprogramm
BIH Clinical Fellows

Förderzeitraum

2015 – 2018

Fachgebiet
Gynäkologie

Vorhaben
Randomisiert-kontrollierte Studie zur sekundären Prävention von Genitaldeszensus direkt postpartal im Vergleich zur Standardversorgung bei primiparen Frauen

Institution während der Förderung
Charité – Universitätsmedizin Berlin, Klinik für Gynäkologie

 

Seit 2017
Leiterin Beckenboden- und Kontinenzzentrum, Franziskus und St. Joseph Krankenhäuser, Berlin

2005 bis 2017
Leiterin Beckenbodenzentrum Charité, Charité -- Universitätsmedizin Berlin

2009
Habilitation in Gynäkologie und Geburtsmedizin, Charité -- Universitätsmedizin Berlin, Frauenklinik: "Beckenboden-Symptome als bedeutende Ergebnisqualität in Beobachtungs- und Interventionsstudien"

Was geben Sie jüngeren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern mit auf den Weg?

Dem wissenschaftlichen Nachwuchs rate ich, etwas zu suchen und zu finden, für das sie sich wirklich interessieren, dann daran weiterzuarbeiten, also publizieren und vortragen, und dabei am besten international tätig zu werden.

 

Juni 2017/TO

 

*Anmerkung der Redaktion: AWMF = Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.