Über den humanmedizinischen Tellerrand gucken

Naomi Tjiang wuchs in einer Kleinstadt in Niedersachsen auf. Ihre Schulzeit verbrachte sie in Braunschweig, Frankreich, Belgien und zuletzt auch in Indien. Dort erlangte sie ihr International Baccalaureate. Durch die internationale Schule hatte sie ein sehr diverses Umfeld, wurde mit ganz unterschiedlichen Menschen, Kulturen und deren Konflikten konfrontiert. Im darauffolgenden Jahr absolvierte sie bei der Bundeswehr einen freiwilligen Wehrdienst im Sanitätsbereich. Dieser Entschluss entstand unter anderem aus der Begegnung mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern in Indien, die teilweise aus Ländern mit verpflichtendem Wehrdienst, auch für Frauen, stammten. Erst dadurch wurde sie für dieses Thema sensibilisiert: „Was für ein Luxus es ist, dass wir uns als junge Menschen hier mit dem Thema Militär nicht oder eben nur kaum beschäftigen müssen“, findet Naomi Tjiang, „darüber vorschnell zu urteilen und es zu verurteilen, finde ich schwierig.“ Sie erlebte dann ein Kontrastprogramm: „Während der Schulzeit war alles international, mit viel Austausch, Offenheit sowie Freiheit und Raum zum Nachdenken. Bei der Bundeswehr waren dann ganz andere Leute und Werte, alles war vorgegeben und von jemand anderem entschieden. Dort habe ich gesehen, dass Lebenswege sehr unterschiedlich sein können  – und, dass das aber auch in Ordnung ist.“

In die Kleinstadt zurück wollte sie danach nicht mehr. Und so zog es sie nach Berlin, an die Charité zum Medizinstudium. Im Moment ist sie in der Clinical Research Unit Kardiologie am Campus Virchow Klinikum der Charité mit einer Promotionsarbeit zur Lebensqualität bei Herzinsuffizienz beschäftigt. Wichtig ist ihr dabei der Kontakt zu den Patientinnen und Patienten und der Fokus auf gesundheitsbezogene Lebensqualität als patientennaher Endpunkt. Später möchte sie als Fachärztin für Allgemeinmedizin tätig sein.

An der Charité gefällt ihr der Modellstudiengang gut: „Wir haben keine Unterteilung in Vorklinik und Klinik mehr und damit von Anfang an viel praxisnahen Unterricht. Das Studium ist nicht mehr so verschult und es findet eine Verzahnung der vorklinischen Fächer wie Physik oder Chemie mit den klinisch relevanten Themen statt.“

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Naomi Tjiang

Förderprogramm
Deutschlandstipendien

Förderzeitraum
2014 bis 2015

Fachgebiet
Humanmedizin

Institution
Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2014
Medizinstudium an der Charité – Universitätsmedizin Berlin

2013 bis 2014
Freiwilliger Wehrdienst im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr

2011 bis 2013
United World College Mahindra College, Indien

Die finanzielle Entlastung durch das Deutschlandstipendium ermöglicht es Naomi Tjiang, weniger zu arbeiten und den Freiraum zu nutzen, um über den „humanmedizinischen Tellerrand“ hinauszublicken. Sie interessiert sich besonders für die Verzahnung von Medizin und Gesellschaft. So nutzt sie die Zeit für Nebenhörerschaften und besucht Kurse in Geschichte und Politikwissenschaft. Auch finanziert sie sich von diesem Geld die Teilnahme an Konferenzen und engagiert sich ehrenamtlich in einer Sprechstunde für Menschen mit erschwertem Zugang zum Gesundheitssystem. „Es lässt sich ganz viel von Politik und Wirtschaft mit Medizin verknüpfen, gerade beim Thema Global Health. Und es ist wichtig, die Medizin in so einem größeren, gesellschaftlichen Kontext zu betrachten.“

 

Juni 2017/TO