Neuronen im 360° Rundumblick

Prateep Beed arbeitet als Postdoktorand an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und am Berliner Institut für Gesundheitsforschung. Neben seiner Arbeit im Labor engagiert er sich dafür, wie Forschung einem breiteren Publikum zugänglich wird. Kurz vor der Berlin Science Week 2017, einem internationalen Wissenschaftsfestival in Berlin mit mehr als 100 Veranstaltungen und über 15.000 Besuchern, trafen wir den Wissenschaftler und haben uns mit ihm über die Welt der Forschung inner- und außerhalb des Labors unterhalten.

Herr Dr. Beed, was gefällt Ihnen an Deutschland und an Berlin besonders?

Ich bin in Indien geboren und aufgewachsen, aber wollte schon immer im Ausland studieren. Als die Universität Tübingen mir ein Stipendium für ein Masterstudium anbot, nahm ich dieses mit großer Freude an. Mit der Zeit lernte ich insbesondere das deutsche Bildungssystem schätzen. Berlin hat mich als Stadt überzeugt, die nicht nur gute Berufsperspektiven, sondern auch wahnsinnig viele Möglichkeiten für die persönliche Entwicklung bietet. Mir ist es wichtig, ein Leben außerhalb des Labors zu haben.

Wenn man Ihren Namen bei Google eingibt, findet man Videos von Ihnen als Speaker, Verweise auf Open Science-Plattformen und Veranstaltungsankündigungen. Verbringen Sie mehr Zeit außerhalb des Labors als in ihm?

Ich finde es wichtig, dass wir als Forscher nicht nur in Fachzeitschriften, sondern auch für ein breiteres Publikum darstellen, was wir eigentlich machen. Wissen muss geteilt werden. Ein Großteil des Wissens der wissenschaftlichen Community erreicht aber niemals die Öffentlichkeit. Wie können wir also unsere Arbeit, die zu großen Teilen aus Steuergeldern finanziert wird, zurück zu den Leuten bringen? Erfolgreiche Initiativen sind der “Open Science Workshop” der Freien Universität, die Berlin Science Week oder das Falling Walls Lab, wo Interessierte die Möglichkeit haben, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu sprechen. Solche Veranstaltungen wirken für Wissenschaftler außerdem als Katalysatoren, um andere Leute aus der Community kennenzulernen. In diesem Zusammenhang habe ich viele Menschen getroffen, die in den Bereichen Digital Health und Health Accelerators arbeiten, beispielsweise bei Bayer oder SAP. Es gibt ein ganzes Ökosystem, das man außerhalb der Universität entdecken kann.

Wie haben Sie neben Ihrer Forschung die nötige Zeit dafür?

Ich nehme mir die Zeit. Natürlich gibt es immer genug Arbeit, aber wenn man fokussiert bleibt, kann man seine Zeit sehr effizient nutzen. In der Forschung glauben viele, dass immer mehr geht. Dabei ist es wichtiger, zu wissen, wo man eine Grenze zieht und die Dinge auch mal ruhen lässt. Wenn beispielsweise etwas nicht funktioniert, muss man lernen, wann man es aufgeben sollte.

Neuronen im 360° Rundumblick
Dr. Prateep Beed

Förderprogramm

BIH Delbrück Fellows     

Förderzeitraum

2015 bis 2020

Vorhaben

Neuronale Schaltkreise im gesunden und kranken Zustand

Fachgebiet

Neurowissenschaften

Institution

Charité – Universitätsmedizin Berlin und Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH)

 

Seit 2015

BIH Delbrück Fellow, Institut für Medizinische Physik und Biophysik, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH)

2010 bis 2015

Postdoktorand, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), Charité – Universitätsmedizin Berlin

2006 bis 2010

Doktorand, Neurowissenschaftliches Forschungszentrum, Charité – Universitätsmedizin Berlin

Gab es für Sie ein Vorbild in der Wissenschaft?

Richard Feynman erklärte für alle Menschen verständlich die Physik. Man sollte als Wissenschaftler immer in der Lage dazu sein, in zwei Sätzen seine Forschung zu erklären. Letztendlich geht es darum, sich nicht in Details zu verlieren, sondern – um es mit einem Begriff der Startup-Szene auszudrücken – in einem kurzem Elevator Pitch seine Arbeit zu präsentieren.

Dann legen Sie mal los: Ihre Forschung in zwei Sätzen?

Ich möchte das räumliche und zeitliche Gleichgewicht der Aktivität verschiedener Nervenzellen in neuronalen Schaltkreisen verstehen. Die Beziehung zwischen ihrer Struktur und Funktion in solchen Schaltkreisen kann uns Erkenntnisse über Krankheiten liefern, in denen genau dieses Gleichgewicht gestört ist.

Jetzt dürfen Sie ausnahmsweise ein bisschen in Details gehen..

Ich erforsche, wie verschiedene Neuronen in den unterschiedlichen Regionen des Gehirns als Netz zusammenarbeiten. Bei einem visuellen Reiz beispielsweise verarbeiten neuronale Netze in der Sehrinde des Gehirns jeweils Teile dieser Information. Ich untersuche das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Neuronen und wie es im Krankheitsfall beeinflusst ist. Bei der Epilepsie sind die Neuronen sehr aktiv und im Gehirn wird viel Erregung gemessen. Dies könnte unterschiedliche Ursachen haben. Auf der Ebene der neuronalen Netze könnte es sein, dass die hemmenden Neuronen absterben, vermindert sind oder einfach nicht funktionieren – wodurch die erregenden Neuronen sehr aktiv werden. Es könnte aber auch sein, dass die hemmenden Neuronen funktionieren und die erregenden Neuronen verändert sind. Es gilt herauszufinden, auf welcher Seite die Ursache liegt.

Das war in der Tat ziemlich gut verständlich. Untersuchen Sie denn bestimmte Krankheiten?

Bei neurodegenerativen Erkrankungen treten einige Veränderungen in der Art und Weise, wie Neuronen kommunizieren und wie sie verbunden sind, schon sehr früh auf – viele Jahre bevor physische Symptome der Krankheiten erkennbar sind. Ich untersuche diese präsymptomatische Phase bei Alzheimer und konzentriere mich auf eine bestimmte Gegend des Gehirns, die Entorhinale Rinde. Diese ist für die räumliche Orientierung zuständig und bei Alzheimer häufig verändert. Die dafür verantwortlichen Neuronen waren Forschungsgegenstand der Arbeiten von John O’Keefe und Edvard und May-Britt Moser, für die sie den Nobelpreis erhielten.

Wie würden Sie dieses Thema einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen?

Ich habe eine Idee für etwas, das es so in Berlin noch nicht gibt: Die Eröffnung eines interaktiven Brain-Centers. Dort würden die verschiedenen Funktionen des Gehirns erklärt, für Erwachsene – die meisten Wissenschaftszentren sind sehr auf Kinder ausgerichtet. Dabei stelle ich mir eine immersive Ausstellung vor, eine 360-Grad Umgebung, die veranschaulicht, wie unser Gehirn funktioniert. Berlin ist aus verschiedenen Gründen ein interessanter Standort für ein solches Projekt. Das Thema Drogen wird zum Beispiel viel diskutiert und dennoch wissen die meisten Menschen nicht, was mit ihrem Gehirn passiert, wenn sie Kokain oder LSD nehmen. Aber auch die Philosophie hat in Berlin Tradition und das Thema Wahrnehmung könnte ein weiterer Schwerpunkt des Zentrums werden. Gerne würde ich weiterhin im Labor forschen und gleichzeitig an der Weiterentwicklung dieser Idee arbeiten. Wäre ich mein ganzes Leben nur im Labor geblieben, hätte ich über diese Option nicht einmal nachgedacht.

Oktober 2017/TO und MM