Gratwanderung zur Multiplen Sklerose: Wie man per Ultraschall des Auges die Nervenkrankheit frühzeitig erkennen kann

Dr. Felix Schmidt ist Neurologe und Spezialist für Multiple Sklerose. Als Clinician Scientist erhält er „geschützte Zeit“, um sich neben seiner Tätigkeit in der Patientenversorgung seinem Forschungsprojekt widmen zu können. Erstmalig testet er eine neue Methode, um Multiple Sklerose schneller und einfacher zu diagnostizieren – mit einer Ultraschalluntersuchung am Auge. Wir sprachen mit ihm darüber, wie beides zusammenhängt, über die Unterschiede von klinischer und wissenschaftlicher Arbeit und nicht zuletzt über seine Leidenschaft fürs Reisen und Bergsteigen.

 

Dr. Schmidt, was hat Augenultraschall mit Multipler Sklerose (MS) zu tun?

Schmidt: MS ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Das häufigste Erstsymptom bei Patienteninnen und Patienten ist eine Sehnervenentzündung. Ca. 30 Prozent haben sie als Erstsymptom und insgesamt ca 60 Prozent der MS-Erkrankten haben einmal eine Sehnervenentzündung im Krankheitsverlauf. Damit ist die Brücke von der MS zum Auge schon geschlagen. Eine Sehnervenentzündung zu diagnostizieren, ist wiederum gar nicht so trivial. Es gibt hierzu den Ausspruch: „Der Patient sieht nichts und der Arzt sieht nichts“. Ein wichtiges klinisches Zeichen für eine Sehnerventzündung ist ein sogenannter RAPD, ein relativer afferenter Pupillendefekt. Dabei ist der Pupillen-Licht-Reflex geschädigt. Die Pupille zieht sich bei Lichteinstrahlung nicht zusammen, sondern weitet sich mitunter sogar. Das klingt, als sei es einfach und zuverlässig zu erkennen, ist es aber nur bei den sehr ausgeprägten Fällen. Bei den leichter betroffenen Fällen kann es zu Missdeutungen kommen und hier kommt die Ultraschallmethode ins Spiel.

Und wie muss man sich überhaupt eine Ultraschalluntersuchung am Auge vorstellen?

Schmidt: Der Patient oder die Patientin liegt mit geschlossenen Augen auf der Liege. Dann wird die Ultraschallsonde ans untere Augenlid gehalten und man leuchtet mit der Lampe durch die geschlossenen Augen. Das Licht wird vom Auge trotzdem wahrgenommen und die Pupille reagiert. Die Pupille wird in Ruhe gemessen sowie nach direktem und indirektem Lichteinfluss. Wir messen den Pupillendurchmesser und wie schnell sich die Pupille bei Lichteinfluss zusammenzieht. Zunächst haben wir das an gesunden Patientinnen und Patienten erfolgreich erprobt und Normwerte veröffentlicht. Bei Patientinnen und Patienten mit einem RAPD sind diese Werte pathologisch verändert. Unsere Studie ist die erste überhaupt, die mittels Ultraschall die Pupillenfunktion untersucht und es ist auch die erste Studie, die das an MS-Erkrankten und insbesondere an Patientinnen und Patienten mit einem RAPD untersucht. Noch sind es nur Patientinnen und Patienten der Charité, aber wir hoffen, zukünftig auch Betroffene außerhalb der Charité in die Studie einschließen zu können.

Kann man die Pupillenfunktion auch anders messen? Welche Vorteile bietet Ihre Ultraschall-Methode?

Schmidt: Ja, es gibt andere Messmethoden. Der Goldstandard ist die Messung mit einer Spezialkamera, dem Pupillometer. Das ist eine Spezialuntersuchung und im niedergelassenen Bereich haben nur wenige Augenärzte ein solches Gerät. In der klinischen Routine wird häufig einfach per Augenmaß geschätzt. Die Ultraschallmethode hat mehrere Vorteile. Sie ist genauer, weil man die Millimeter exakt ausmessen kann und somit die Ergebnisse objektivieren kann. Man kann zudem die Ergebnisse speichern und den Verlauf dokumentieren. Es ist also nicht nur eine Methode zur Verbesserung der Diagnostik, sondern man kann mit ihr auch Therapieeffekte beurteilen. Außerdem sind Ultraschallgeräte viel verbreiteter als Pupillometer. Unsere Methode ist also leichter zugänglich und in der klinischen Breite anwendbar. Es sind sogar weitere Anwendungsbereiche denkbar. Die Tatsache, dass für die Untersuchung das Auge nicht offen sein muss, sondern geschlossen ist und keine aktive Mitarbeit des Patienten notwendig ist, birgt viele Möglichkeiten, z.B. bei der Untersuchung von Koma-Patienten oder Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, bei denen die Augenlider zugeschwollen sind.

Gratwanderung zur Multiplen Sklerose: Wie man per Ultraschall des Auges die Nervenkrankheit frühzeitig erkennen kann
PD Dr. Felix Schmidt

Förderprogramm

BIH Charité Clinician Scientists

Förderzeitraum

2018 bis 2021

Vorhaben

B-Mode Ultraschall als nicht-invasiver bildgebender Biomarker zur Beurteilung des afferenten visuellen Systems

Fachgebiet

Neurowissenschaften

Institution

Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2013

Assistenzarzt der Klinik für Neurologie und Mitarbeiter in der MS-Hochschulambulanz, Charité - Universitätsmedizin Berlin

2016

Gastwissenschaftler, Center for Sleep & Circadian Biology (Prof. P. Zee), Ken & Ruth Davee Department of Neurology, Northwestern University, Feinberg School of Medicine, Chicago, USA

2015 bis 2016

Studienarzt und wissenschaftlicher Mitarbeiter bei NeuroCure, AG Neuroimmunologie

Wie sind Sie eigentlich zur Beschäftigung mit MS gekommen?

Schmidt: Im Studium fand ich das Nervensystem schon immer faszinierend. Jetzt arbeite ich in der Neurologie. Mit MS habe ich mich zum ersten Mal im Rahmen meiner Doktorarbeit intensiv beschäftigt. Je mehr ich in die Tiefe ging, desto interessanter wurde diese Krankheit für mich. Bis heute sind die Pathomechanismen unverstanden. Es gibt hochinteressante Forschung zum Thema und in den letzten Jahren hat sich bei den Behandlungsmöglichkeiten sehr viel getan. Vor 20 oder 30 Jahren war der Rollstuhl für die Betroffenen irgendwann Gewissheit. Heute gelingt es immer besser, die zunehmende Krankheitsverschlechterung für die Patienten aufzuhalten, also die Krankheitsaktivität zu stoppen. Hier am Puls der Forschung zu sein bereitet mir große Freude. Dazu hatte ich hervorragende Mentoren, die mich für die Neurologie und die MS begeisterten, und die für mich fachlich wie menschlich Vorbilder waren und sind. Seit 5 Jahren übernehme ich ein Mal pro Woche die MS Sprechstunde unserer Hochschulambulanz was ich ausgesprochen gerne mache. Was mir in der täglichen Arbeit auch besonders gefällt, ist, dass die Patientinnen und Patienten in der Regel etwas jünger sind. Der Erkrankungsgipfel liegt bei der MS bei 20 bis 45 Jahren.

Als BIH Clinician Scientist wechseln Sie regelmäßig zwischen klinischer und wissenschaftlicher Arbeit. Sehen Sie sich mehr als Kliniker oder als Wissenschaftler?

Schmidt: Ehrlich gesagt sehe ich mich genau dazwischen. Mir gefällt gerade die Kombination aus beidem und ich möchte keine Seite missen. Ich mag den Patientenkontakt sehr. In der Klinik sieht man zudem die Therapieeffekte am Patienten schneller. In der Forschung braucht man einen langen Atem. Es kann Monate oder Jahre dauern, bis man etwas herausfindet oder Ergebnisse hat. Meine Motivation zu forschen liegt darin, neue Problemlösungen mit klinischer Relevanz und Nutzen für die Patientinnen und Patienten zu finden. Auch in Zukunft möchte ich beides weiterhin kombinieren.

Wollten Sie schon als Kind Arzt werden?

Schmidt: Nein, als Kind wollte ich Pilot werden. Meine Leidenschaft für das Reisen ist geblieben, nur lebe ich sie heute anders aus. Ich habe Teile meines Studiums in Frankreich und der Schweiz verbracht und war zum Forschen in den USA.

Sind Sie privat auch viel auf Reisen?

Schmidt: Ich reise sehr gerne und entdecke Neues. Ich bin auch sehr naturverbunden und mache gern Ski-Touren und Bergbesteigungen. Das ist mein Ausgleich zur Arbeit. Vor ein paar Monaten war ich mit meinem Vater auf einer dreiwöchigen Expedition auf den Island Peak im Himalaya – in 6.200 Meter Höhe. Das ist unvergesslich und ich freue mich schon auf die nächste Tour.

Eine letzte spielerische Frage zum Schluss: Mit welchen drei Personen, tot oder lebendig, würden Sie sich gern einmal zu einem fiktiven gemeinsamen Abendessen treffen? Reinhold Messner ist für Sie vermutlich gesetzt?

Schmidt: In der Tat Reinhold Messner, und neben ihm Albert Einstein, und Jimi Hendrix. Das wäre vielleicht ein lustiges Abendessen.

Juni 2020 / Marie Hoffmann