Wenn Hollywood einen Einfluss auf die Charité hat…

Dorothee Speiser hat im Rahmen ihres BIH Clinical Fellowships ein Fortbildungsmodul zu familiärem Brust- und Eierstockkrebs entwickelt und durchgeführt. Worum es dabei genau geht und wie es dazu kam, erzählt sie hier auf FACES:

„2013 hat Angelina Jolie ihre BRCA-Mutation öffentlich gemacht. Das ist eine Genmutation, die das Risiko erhöht, an bestimmten Krebsarten zu erkranken. Ihr öffentliches Bekenntnis hat dazu geführt, dass die Aufmerksamkeit für Brust- und Eierstockkrebs massiv angestiegen ist und der Bedarf an entsprechender ärztlicher Beratung stark zugenommen hat. Man spricht heute sogar vom „Jolie-Effekt“. Auch wir an der Charité hatten einen deutlichen Anstieg unserer Fallzahlen zu verzeichnen. Damals gingen wir zunächst davon aus, dass die Frauen, die zusätzlich zu uns kamen, alle grundlose Angst hätten – was sich jedoch als falsche Annahme herausstellte. Im Nachhinein würde ich schätzen, dass 95 Prozent dieser Frauen hier absolut richtig waren und sind. Vor diesem Hintergrund haben wir uns die Frage gestellt, wie viele der belasteten Familien überhaupt schon beraten wurden. Selbst inklusive der Zunahme durch den Jolie-Effekt haben wir nicht alle gefährdeten Frauen erreicht, obwohl dies unser Ziel ist. Unsere Beratung unterliegt dem Gendiagnostikgesetz, wo dem Recht auf Nicht-Wissen eine entscheidende Bedeutung zukommt. An diese Maßgabe halten wir uns unbedingt und beraten demzufolge nur diejenigen Familien, die das ausdrücklich wünschen.

Das ist der Hintergrund, warum ich das Thema „Brust- und Eierstockkrebs“ für Gynäkologen aus unterschiedlichen Brust- und Gynäkologie-Zentren fassbar machen möchte. Es gibt in Deutschland ein Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs mit 18 universitären Zentren. Diese Zentren haben es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen, die entweder bereits an Krebs erkrankt sind oder bei denen in der Familie viele Krebsfälle aufgetreten sind, zu beraten, genetisch zu testen, gegebenenfalls zu operieren und in Früherkennungsprogramme aufzunehmen. Dieses Angebot war bislang hauptsächlich auf diese 18 Standorte beschränkt. Da aber das Thema immer präsenter wird, brauchen immer mehr Frauen, und jetzt auch Männer, Zugang zu den Maßnahmen. Wir versuchen deshalb, die transsektorale Versorgung zu stärken und das Programm über die universitären Zentren hinaus auf andere Krankenhäuser auszuweiten. Für die betroffenen Frauen hat das den großen Vorteil, dass sie sich heimatnah aufklären und genetisch testen lassen können. Die Charité musste bisher ganz Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern abdecken. Nicht mehr den ganzen Weg aus dem Umland nach Berlin fahren zu müssen, baut Hürden ab und erleichtert auch die Inanspruchnahme unserer Beratung und Maßnahmen.

Das Wissen, das von Seiten der Gynäkologen dafür notwendig ist, wird im Studium gelehrt und auch im Rahmen der Facharztprüfung berührt. Viele Kolleginnen und Kollegen können das aber nicht mehr spontan abrufen und sind nicht mehr auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand.

Wenn Hollywood einen Einfluss auf die Charité hat…
Dr. Dorothee Speiser

Förderprogramm

BIH Clinical Fellows

Förderzeitraum

2016 bis 2018

Fachgebiet

Gynäkologie

Vorhaben

Konzeption und Implementierung eines Fortbildungsmoduls zum familiären Brust- und Eierstockkrebs

Institution

Charité – Universitätsmedizin Berlin

 

Seit 2005

Assistenz-, Fach- und Oberärztin in der Klinik für Gynäkologie mit Brustzentrum der Charité-Universitätsmedizin Berlin, Leitung der Tumorrisikosprechstunde

2003 bis 2004

Arzt im Praktikum (AiP) in der Frauenklinik des Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

1996 bis 2002

Medizinstudium in Rostock, Leipzig und Berlin, Doktorarbeit am Institut für Pathologie der Universität Leipzig

Deshalb habe ich im Rahmen meines geförderten Projekts an der Charité ein Curriculum für Fortbildungen entwickelt, an dessen Ende die Gynäkologen besser in der Lage sind, eine erste Aufklärung und genetische Testung bei erkrankten Frauen vorzunehmen. Die Diagnostik hat sich gerade im genetischen Bereich deutlich verbessert, sodass wir vorhersagen können, wer ein erhöhtes Risiko für eine Krebserkrankung hat. Je früher man ein erhöhtes Risiko erkennt, desto besser – nicht nur für die Patientin selbst, sondern auch für Angehörige ein entscheidender Schritt. Es ist also wichtig, mehr Kolleginnen und Kollegen zu befähigen, die aktuellen Möglichkeiten in der Diagnostik auch zur Verfügung zu stellen. Gemeinsam mit der Deutschen Krebsgesellschaft und unseren Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Konsortialzentren möchten wir im nächsten Schritt versuchen, dieses Konzept auf ganz Deutschland auszuweiten.

In der Zwischenzeit Dr. Google zu konsultieren – davon rate ich den Patientinnen ab. Das ist häufig eine Katastrophe. Ich habe regelmäßig – das ist nicht übertrieben – weinende Patientinnen, die aus irgendwelchen Chatrooms Halb- oder Unwahrheiten über ihren vermeintlichen genetischen Status erfahren haben wollen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um die Ratsuchenden zu den richtigen Informationsstellen zu führen, beispielsweise die Seiten der Deutschen Krebshilfe oder des BRCA-Netzwerks. Es fehlt ein Wegweiser, der den Patientinnen hilft, sich in der Informationslandschaft zurechtzufinden und die richtigen ärztlichen Beratungsstellen aufzusuchen.“

 

Oktober 2017/TO

Fotos: Andreas Süß/Stiftung Charité und Dorothee Speiser